Schwerpunkte · Klassenführung
Klassenführung & Classroom Management: führen statt ständig reagieren
Eine Klasse zu führen kann leicht wirken, solange alles läuft. Herausfordernd wird es dann, wenn du das Gefühl bekommst, den ganzen Unterricht nur noch auf Störungen zu reagieren, ständig ermahnen zu müssen oder von einer Situation in die nächste zu springen.
Gute Klassenführung bedeutet für mich nicht, möglichst streng zu sein oder jede Situation perfekt im Griff zu haben.
Es geht darum, einen klaren und verlässlichen Rahmen zu schaffen, Beziehungen zu gestalten und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
In Beratung und Training können wir konkrete Situationen aus deinem Unterricht analysieren, neue Möglichkeiten entwickeln und sie direkt ausprobieren.

Was bedeutet gute Klassenführung?
Gute Klassenführung schafft Bedingungen, unter denen Unterricht und Beziehung gleichzeitig möglich sind. Dazu gehören klare Erwartungen, verlässliche Routinen, Präsenz, ein sinnvoller Umgang mit Störungen und eine Beziehungsgestaltung, bei der Schüler:innen wissen, woran sie sind.
Classroom Management beginnt deshalb nicht erst dann, wenn eine Störung auftritt.
Es beginnt viel früher:
Wie startest du eine Stunde?
Wie gibst du Anweisungen?
Wie gestaltest du Übergänge?
Was passiert, wenn eine Regel nicht eingehalten wird?
Wie stellst du Aufmerksamkeit her?
Wie konsequent sind deine Reaktionen für Schüler:innen vorhersehbar?
Oft liegen genau in diesen scheinbar kleinen Situationen große Veränderungsmöglichkeiten.
Warum ist Classroom Management für Lehrer:innen so belastend?
Wenn Klassenführung dauerhaft viel Aufmerksamkeit beansprucht, kostet das nicht nur Unterrichtszeit, sondern auch Energie.
In der österreichischen TALIS-2024-Erhebung nennen 50 % der Lehrer:innen der Sekundarstufe I die Aufrechterhaltung der Klassendisziplin als starke Stressquelle. Gleichzeitig berichten 24 %, dass sie in einer zufällig ausgewählten Klasse ziemlich viel Unterrichtszeit durch Unterbrechungen verlieren. Durchschnittlich werden 17 % der Unterrichtszeit dafür verwendet, Ordnung in der Klasse aufrechtzuerhalten. OECD
Das macht deutlich:
Klassenführung ist nicht nur ein pädagogisches Thema. Sie kann auch ein wesentlicher Faktor für Lehrer:innengesundheit sein.
→ Mehr zu Stress, Überforderung & Burnout-Prävention für Lehrer:innen
Was hilft, wenn ich das Gefühl habe, ständig nur zu reagieren?
Wenn du ständig reagieren musst, lohnt es sich, nicht nur die einzelnen Störungen zu betrachten. Häufig ist hilfreicher zu fragen, an welchen Stellen Unterricht vorhersehbarer, klarer oder ruhiger gestaltet werden könnte.
Wir können zum Beispiel anschauen:
- Wann entstehen die meisten Störungen?
- Was passiert unmittelbar davor?
- Welche Situationen wiederholen sich?
- Sind Erwartungen für die Schüler:innen klar?
- Welche Regeln werden tatsächlich eingefordert?
- Wie reagierst du auf Regelverstöße?
- Welche Übergänge funktionieren schlecht?
- Welche Schüler:innen oder Gruppendynamiken verändern die Situation?
- Welche Reaktion führt unbeabsichtigt immer wieder zur nächsten Störung?
Damit verschiebt sich der Fokus von
„Wie stoppe ich diese eine Störung?“
hin zu
„Wie gestalte ich einen Rahmen, in dem weniger Störungen entstehen und ich nicht jeder einzelnen hinterherlaufen muss?“
Welche Rolle spielen Regeln und Konsequenzen bei guter Klassenführung?
Regeln funktionieren am besten, wenn sie verständlich, konkret und im Schulalltag tatsächlich umsetzbar sind. Eine lange Regelliste hilft wenig, wenn niemand mehr weiß, welche Regeln wirklich relevant sind.
Ähnliches gilt für Konsequenzen.
Eine sinnvolle Konsequenz sollte möglichst nachvollziehbar, angemessen und mit dem Verhalten verbunden sein. Konsequenz bedeutet nicht automatisch Strafe.
Manchmal braucht es eine klare Grenze. Manchmal Wiedergutmachung. Manchmal muss etwas nachgeholt oder wiederholt werden. Und manchmal ist zunächst ein Gespräch sinnvoll.
In Beratung oder Training können wir ganz konkret überlegen:
Welche Konsequenz passt zu welcher Situation – und welche Konsequenz kannst du auch wirklich verlässlich umsetzen?
→ Mehr zu Grenzen & professioneller Abgrenzung für Lehrer:innen
Warum sind Routinen und Übergänge so wichtig?
Viele Unterrichtsstörungen entstehen nicht mitten in einer konzentrierten Arbeitsphase, sondern genau dazwischen:
beim Stundenbeginn, beim Materialwechsel, nach Gruppenarbeiten, beim Wechsel von Arbeitsformen oder kurz vor Stundenende.
Gerade deshalb sind Routinen und gut gestaltete Transitionen ein zentraler Bestandteil von Classroom Management.
Schüler:innen profitieren davon, wenn sie wissen:
Was passiert jetzt?
Was brauche ich?
Was wird von mir erwartet?
Was mache ich, wenn ich fertig bin?
Wie kommen wir von einer Phase in die nächste?
Eine gute Routine soll dabei nicht militärisch wirken.
Sie soll Orientierung schaffen und unnötige Aushandlungsprozesse reduzieren.
Was hilft bei häufigen Unterrichtsstörungen?
Bei Unterrichtsstörungen gibt es selten die eine Reaktion, die immer funktioniert.
Hilfreich ist zunächst zu unterscheiden, welche Art von Störung vorliegt und wodurch sie aufrechterhalten wird. Reden zwei Schüler:innen miteinander? Verweigert jemand eine Aufgabe? Sucht jemand Aufmerksamkeit? Entsteht Unruhe regelmäßig bei zu schwierigen Aufgaben oder langen Wartezeiten?
Evidenzbasierte Empfehlungen für die Primarstufe betonen unter anderem, konkrete problematische Verhaltensweisen und ihre Auslöser genauer zu analysieren, die Lernumgebung entsprechend anzupassen und erwünschtes Verhalten aktiv zu vermitteln. Institut für Bildungswissenschaften
Das bedeutet für die Praxis:
Nicht jede Störung braucht dieselbe Antwort.
Wir können gemeinsam herausarbeiten, welche Reaktion in deiner konkreten Situation sinnvoll ist und welche Alternativen du ausprobieren möchtest.
Muss ich als Lehrer:in konsequenter oder strenger werden?
Nicht unbedingt.
„Sei konsequenter“ ist einer dieser Ratschläge, die schnell gegeben werden und wenig darüber aussagen, was du morgen anders machen sollst.
Klare Klassenführung kann durchaus konsequent sein, ohne besonders streng zu sein.
Entscheidend ist eher:
Sind deine Erwartungen klar?
Sind deine Reaktionen nachvollziehbar?
Kannst du eine Grenze ruhig vertreten?
Kündigst du Konsequenzen an, die du später nicht umsetzen möchtest?
Musst du fünfmal etwas sagen, bevor sich etwas verändert?
Manchmal braucht es tatsächlich mehr Klarheit.
Manchmal braucht es aber auch weniger Reden, weniger Verhandeln und eine frühere Reaktion.
Welche Rolle spielt Beziehung bei Klassenführung?
Beziehungsarbeit und Klassenführung sind keine Gegensätze.
Eine gute Beziehung bedeutet nicht, dass Schüler:innen immer zufrieden mit deinen Entscheidungen sein müssen. Gleichzeitig funktioniert Führung langfristig schlecht, wenn Schüler:innen sich grundsätzlich nicht gesehen, respektiert oder fair behandelt fühlen.
Eine tragfähige Lehrer:innen-Schüler:innen-Beziehung kann bedeuten:
Interesse zu zeigen,
berechenbar zu reagieren,
Fehler nicht persönlich zu nehmen,
Humor zuzulassen,
Grenzen klar zu kommunizieren
und Konflikte nach einer Eskalation wieder zu reparieren.
Beziehung ohne Grenzen ist keine gute Klassenführung. Grenzen ohne Beziehung meistens auch nicht.
Was bedeutet nonverbales Classroom Management?
Nicht jede Unterrichtsstörung muss verbal kommentiert werden.
Blickkontakt, räumliche Nähe, Position im Raum, kurze Gesten, Pausen oder ein vereinbartes Signal können manchmal wirksamer sein als die fünfte verbale Ermahnung.
Nonverbales Classroom Management kann besonders hilfreich sein, wenn du eine Situation früh beeinflussen möchtest, ohne dafür den gesamten Unterricht zu unterbrechen.
Wir können im Training konkret ausprobieren:
Wie stehst du vor einer Klasse?
Wo bewegst du dich?
Wann wartest du?
Wie stellst du Aufmerksamkeit her?
Wann reicht ein Blick – und wann braucht es Sprache?
Wie kann Classroom Management in der Grundschule aussehen?
In der Volksschule müssen Erwartungen und Routinen besonders sichtbar, verständlich und einübbar sein. Kinder können Verhalten nicht einfach deshalb zuverlässig zeigen, weil eine Regel einmal ausgesprochen wurde.
Gerade bei jüngeren Schüler:innen kann es sinnvoll sein, Abläufe konkret vorzubereiten und zu trainieren:
Wie starten wir den Unterricht?
Wie holen wir Material?
Wie melden wir uns?
Wie wechseln wir in den Sitzkreis?
Was passiert nach einer Arbeitsphase?
Wie lösen wir kleinere Konflikte?
Ein aktueller evidenzbasierter Praxisleitfaden des US-amerikanischen Institute of Education Sciences für die Klassenstufen K–5 bewertet unter anderem das gemeinsame Festlegen, Modellieren und explizite Einüben klarer Verhaltenserwartungen sowie Erinnerungen und positive Rückmeldungen als gut belegte Maßnahmen. Institut für Bildungswissenschaften
Was ist Classroom Management nach Kounin?
Jacob Kounin prägte einige bis heute bekannte Konzepte der Klassenführung. Im Zentrum steht dabei weniger die Frage, wie Lehrer:innen nach einer Störung reagieren, sondern wie Unterricht so geführt werden kann, dass viele Störungen gar nicht erst entstehen oder sich ausbreiten.
Dazu gehören beispielsweise Aufmerksamkeit für das gesamte Klassengeschehen, flüssige Übergänge und das Aufrechterhalten von Aktivität und Beteiligung.
Für deine konkrete Beratung ist die Theorie aber nur dann relevant, wenn sie im Unterricht praktisch nutzbar wird.
Deshalb würde ich hier nicht fragen:
„Kannst du Kounins Konzepte auswendig?“
sondern:
„Was bedeutet das am Dienstag in der dritten Stunde mit genau dieser Klasse?“
→ Späterer Fachartikel: Klassenführung nach Kounin: Was Lehrer:innen heute praktisch daraus nutzen können
Was, wenn nur eine bestimmte Klasse schwierig ist?
Dass Unterricht in fünf Klassen funktioniert und in der sechsten völlig anders erlebt wird, ist kein Widerspruch.
Klassen entwickeln eigene Gruppendynamiken. Zusammensetzung, Rollen, Beziehungen, Tageszeit, Fach, Raum, Vorgeschichte und einzelne Schüler:innen können das gesamte System beeinflussen.
Gerade dann lohnt sich eine konkrete Fallanalyse:
Was passiert in dieser Klasse anders?
Wann kippt die Situation?
Welche Rollen haben einzelne Schüler:innen?
Welche Reaktionen funktionieren – welche nicht?
Was hast du bereits versucht?
Ziel ist nicht, dir zu erklären, wie Unterricht „eigentlich“ geht.
Du unterrichtest bereits.
Wir suchen nach Möglichkeiten, wie du mit genau dieser Klasse wieder mehr Führung übernehmen kannst.
Was, wenn einzelne Schüler:innen die ganze Klasse beeinflussen?
Einzelne Schüler:innen können eine starke Wirkung auf Gruppendynamiken haben. Trotzdem ist es oft wenig hilfreich, die gesamte Klassenführung nur noch um eine Person herum zu organisieren.
Wir schauen deshalb auf mehrere Ebenen:
Was braucht die einzelne Person?
Welche Rolle spielt sie in der Gruppe?
Wie reagiert die Klasse?
Wie reagierst du?
Welche Unterstützungssysteme gibt es?
Und welche Regeln müssen unabhängig von einzelnen Personen gelten?
Bei komplexen oder stark belastenden Situationen kann außerdem wichtig sein zu klären, was noch in deiner pädagogischen Rolle liegt und wann weitere schulische oder psychosoziale Unterstützung notwendig ist.
Wie kann ich Aufmerksamkeit herstellen, ohne ständig laut zu werden?
Lautstärke ist nur eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit herzustellen – und häufig keine besonders nachhaltige.
Wichtiger ist, dass Schüler:innen ein klares Signal kennen und wissen, was dieses Signal bedeutet.
Das können sprachliche oder nonverbale Signale sein. Entscheidend ist weniger, welches Signal du auswählst, sondern ob es eingeführt, eingeübt und anschließend verlässlich genutzt wird.
Auch hier gilt:
Eine Technik funktioniert selten deshalb, weil sie besonders originell ist.
Sie funktioniert, wenn sie zu dir passt und für deine Schüler:innen vorhersehbar ist.
Können Klassenführung und Classroom Management trainiert werden?
Ja. Gerade bei Klassenführung reicht Wissen allein häufig nicht aus.
Du kannst theoretisch genau wissen, dass eine Anweisung kurz und klar sein sollte – und trotzdem in einer stressigen Situation plötzlich fünf Sätze erklären, diskutieren oder dich rechtfertigen.
Deshalb können wir konkrete Situationen nicht nur besprechen, sondern tatsächlich ausprobieren.
Zum Beispiel:
- eine Klasse ruhig starten,
- Aufmerksamkeit herstellen,
- klare Anweisungen formulieren,
- Übergänge gestalten,
- auf Unterrichtsstörungen reagieren,
- Grenzen setzen,
- Konsequenzen kommunizieren,
- schwierige Situationen mit Schüler:innen ansprechen,
- nonverbal führen,
- eine eskalierende Situation unterbrechen.
Wir können verschiedene Varianten testen und anschließend schauen:
Was wirkt? Was fühlt sich künstlich an? Und was passt tatsächlich zu deiner Persönlichkeit?
Brauche ich dafür schon viel Unterrichtserfahrung?
Nein.
Berufseinsteiger:innen beschäftigen häufig andere Fragen als erfahrene Lehrer:innen – aber Klassenführung bleibt in beiden Fällen relevant.
Am Anfang geht es vielleicht stärker darum, ein eigenes Repertoire aufzubauen und herauszufinden:
Wie möchte ich eigentlich führen?
Nach vielen Jahren Unterricht kann die Frage eher lauten:
Warum funktioniert meine bisherige Strategie gerade bei dieser Klasse nicht mehr?
Auch erfahrene Lehrer:innen müssen deshalb nicht bei null anfangen. Oft geht es vielmehr darum, ein bereits großes Repertoire gezielt um weitere Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.
Für Berufseinsteiger:innen werden wir später zusätzlich eine eigene SEO-Seite zu Berufseinstieg & Induktionsphase aufbauen.
Wann kann Beratung bei Problemen mit Klassenführung sinnvoll sein?
Beratung oder Training kann sinnvoll sein, wenn du merkst, dass eine Klasse unverhältnismäßig viel Energie kostet, sich bestimmte Situationen immer wiederholen oder du trotz eigener Erfahrung gerade nicht weiterkommst.
Du musst dafür nicht erst an dem Punkt sein:
„Diese Klasse ist komplett eskaliert.“
Du kannst genauso kommen mit:
„Ich möchte früher reagieren.“
„Ich will weniger diskutieren.“
„Meine Konsequenzen funktionieren nicht.“
„Ich brauche neue Ideen.“
„Ich möchte sicherer auftreten.“
Oft lässt sich leichter etwas verändern, bevor sich bestimmte Muster zwischen Lehrer:in und Klasse über Monate verfestigen.
Klassenführung bedeutet nicht, jede Situation kontrollieren zu können
Auch gute Klassenführung verhindert nicht jeden Konflikt, jede Störung oder jeden schlechten Unterrichtstag.
Das Ziel ist nicht absolute Kontrolle.
Das Ziel ist, dass du in möglichst vielen Situationen erkennst, was gerade passiert und aus mehreren Handlungsmöglichkeiten auswählen kannst, anstatt automatisch immer gleich reagieren zu müssen.
Genau deshalb gefällt mir für diesen Schwerpunkt der Satz:
Führen statt ständig reagieren.
Er beschreibt wesentlich besser, worum es geht, als das Versprechen einer „störungsfreien Klasse“.
Du musst mit einer schwierigen Klasse nicht alleine herumprobieren
Vielleicht funktioniert vieles bereits gut und nur eine Situation bereitet dir Schwierigkeiten.
Vielleicht kostet dich eine Klasse inzwischen so viel Energie, dass sie deinen gesamten Arbeitstag überschattet.
Oder du möchtest einfach ausprobieren, wie du in bestimmten Situationen noch klarer und sicherer auftreten kannst.
Wir schauen uns deinen tatsächlichen Unterricht an – nicht irgendeine ideale Klasse aus einem Lehrbuch.
Du musst mir Schule nicht erst erklären.
Wir suchen gemeinsam nach Möglichkeiten, die zu dir, deinen Schüler:innen und deiner konkreten Situation passen.